Kühe vor Windrädern im Smart Country Eifel

Energiewirt statt Landwirt

Das Projekt Smart Country in der Eifel zeigt, wie die Energiewende auf dem Land gelingt. Und welche Vorteile sie für uns alle bringt.

Nur auf den ersten Blick ist der Bongertshof ein gewöhnlicher Bauernhof: Heinrich Schneider hat den Sprung gewagt vom Land- zum Energiewirt und erzeugt hier im Eifel-Landkreis Bitburg-Prüm seit 2010 mit einer Biogasanlage und angeschlossenem Blockheizkraftwerk Ökostrom, den er direkt ins Netz einspeist. Dafür erhalten die Schneiders einen auf 20 Jahre garantierten Abnahmepreis.

Mit zusätzlich entstehender Abwärme heizen sie ihre eigenen Gebäude und trocknen für andere Bauern kostengünstig Holz, das als Kaminholz in den Handel geht. „Unser Arbeitstag beginnt jetzt halt nicht mehr in aller Herrgottsfrühe im Stall, sondern um 7 Uhr morgens im Büro, von wo aus wir die Anlage steuern”, erzählt Heinrich Schneiders Sohn Marcus.

Die Schneiders steuern vom Bongertshof sogar noch eine zweite Anlage, mit deren Abwärme ein Schwimmbad und eine Schule in Prüm beheizt werden. Und nicht weit entfernt in Leinenborn lebt mit Hermann Schwalen ein weitere Energiewirt, dessen zwei Blockheizkraftwerke 35 Haushalte und eine Kirche mit Wärme versorgen. Ja, im Eifelkreis ist die Energiewende in vollem Gange.

„Als ich 2001 mit Biogas anfing, wurde ich noch belächelt. Dann haben es alle nachgemacht.“

Daher ist hier auch das von RWE mit initiierte und vom Bundesministerium für Wirtschaft geförderte Projekt Smart Country angesiedelt. Es untersucht die Energiewende in ländlichen Regionen und ihren Einfluss auf Städte. „Auf dem Land wird in Zukunft ein Überschuss an Strom aus Erneuerbaren produziert, der dann auch Ballungsgebiete versorgen wird.

Was kommt in die Biogasanlage?

Die oft gehörte Kritik, dass Futtermais verheizt würde, stimmt nicht. Längst werden spezielle Maisarten extra für die Biogasherstellung gezüchtet. Daneben landen Gülle, Zuckerrüben sowie Ganzpflanzen und Grassilage in den Fermentern. In diesen Bioreaktoren arbeiten pausenlos Mikro-Organismen, die die Biomasse abbauen und dabei Gas erzeugen.

Die immer dezentraler werdende Stromerzeugung ist die Herausforderung“, sagt Torsten Hammerschmidt. Der promovierte Elektroingenieur leitet Smart Country. „Vier innovative Netzkonzepte erproben wir hier“, erklärt er. „Die Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnik, die Spannungsregelung zur besseren Ausnutzung der Netzkapazität, leistungsstarke Kabelstrecken und den Einsatz von Speichern.“

Allesamt Vorweggeher: Energiewirt Heinrich Schneider (l.) vor Heuballen auf seinem Hof. Auf dem rechten Foto diskutieren Torsten Hammerschmidt (links) und Energiewirt Heinz Hoffmann.

Allesamt Vorweggeher: Energiewirt Heinrich Schneider (l.) vor Heuballen auf seinem Hof. Auf dem rechten Foto diskutieren Torsten Hammerschmidt (links) und Energiewirt Heinz Hoffmann.

Vom Land- zum Energiewirt

Den Speichereinsatz testet RWE auf dem Hof von Heinz Hoffmann. In Üttfeld-Spielmannsholz betreibt er einen Energiehof und ist eine Art „Vorzeige-Energiewirt“ in der Region. Sein Biogasspeicher ist weltweit der erste seiner Art. „Wird viel Strom mit Fotovoltaik erzeugt, braucht man weniger aus Biogas und kann das Biogas hier speichern und später verstromen“, erläutert Hoffmann. Im Schnitt können so 300 Haushalte versorgt werden, auch wenn gerade mal nicht ausreichend Strom erzeugt wird. „Als ich 2001 mit Biogas anfing, wurde ich noch belächelt. Dann haben es alle nachgemacht“, schmunzelt er.

Hightech im Grünen

Zehn Minuten Autofahrt entfernt steht noch mehr Hightech im Grünen. Spannungsregler sind eines der Netzkonzepte, die erprobt werden. Ein in Neuseeland gefertigter Mittelspannungsregler ist in einem grünen Schiffscontainer untergebracht. „Anfangs gab es bei Gewittern Probleme“, erzählt Stephan Elgas. Er arbeitet als Elektromonteur bei der RWE-Tochter Westnetz und kümmert sich um Wartung und Betrieb der Regler. „Da fielen auch mal Anlagen aus. Doch die Software wurde optimiert und angepasst. Jetzt läuft alles problemlos.“

Würde man ähnliche Konzepte andernorts implementieren, ließe sich sehr viel Geld sparen.

Die dezentrale Stromeinspeisung der Landwirte und vieler anderer hat die Spannungsregler notwendig gemacht. „Als die Stromverteilung noch in nur eine Richtung ging, vom Kraftwerk zum Kunden, reichte eine Messung am Anfang des Verteilnetzes, um den Zustand des Netzes zu erfassen und die Netzspannung darauf einzustellen“, erklärt Projektleiter Hammerschmidt.

„Zunehmende dezentrale Erzeugung bedeutete, dass Einspeisung und Last stark variieren.“ Regler gleichen diese Gefälle aus. „Außerdem kann mehr regenerative Energie ins bestehende Netz eingespeist werden, ohne neue Kabel ziehen zu müssen“, ergänzt Monteur Stephan Elgas. „Der Regler hat sich bewährt und ist mittlerweile kommerziell verfügbar. Ein toller Erfolg.“

Weltweites Interesse

Das findet auch Professor Christian Rehtanz von der TU Dortmund. Er hat Smart Country vier Jahre lang wissenschaftlich begleitet. „Es hat sich herausgestellt, dass das Konzept übertragbar ist auf andere ländliche Regionen in Deutschland“, so der Wissenschaftler. „Würde man ähnliche Konzepte andernorts implementieren, ließe sich auf diese Weise sehr viel an Netzausbau einsparen – und damit eben auch Geld.“

Marcus Hofmann, Energiewirt im Smart Country

Heinrich Schneiders Sohn Marcus – er hat 2010 seinen Meister gemacht und den Hof seines Vaters übernommen

Doch nicht nur für andere ländliche Regionen in Deutschland sind die Erkenntnisse interessant. Viel Fachpublikum aus dem Ausland hat Smart Country bereits besucht: aus Österreich, der Schweiz, England, Belgien, sogar aus China und Taiwan. Das Projekt erhielt außerdem einige Preise. Bei all diesen Erfolgsmeldungen betont Professor Rehtanz verstärkt: „Es ist wichtig, Biomasse effizient zu nutzen, denn auch diese Ressource ist begrenzt. Andererseits darf man es nicht übertreiben, denn das führt zu Monokulturen und einer Konkurrenz zu Lebensmitteln bei den Anbauflächen.“

Das Ziel müsse lauten, in ländlichen Gebieten einen massiven Energieüberschuss zu generieren, um die städtischen Gebiete und Industriestandorte mitzuversorgen. Wie das möglich ist, zeigt Smart Country. Die Energieerzeugung aus Wind, Sonne und Biomasse ist in der Modellregion um bis zu 17-mal höher als der lokale Verbrauch.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des RWE Printmagazins /NEXT, verfasst hat ihn Karen Beekes.

Bild: Rüdiger Nehmzow (4)

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  • Windmüller
    Windmüller:

    Ein wunderbar geschriebener Artikel. Der positive Punkt ist, dass mit solchen Projekten nicht nur ein Beitrag zur Energiewende erfolgt. Viel wichtiger ist nach meiner Auffassung, dass dadurch eine Stärkung des ländlichen Raumes erfolgt, und der Zusammenhalt gestärkt wird. Im westfälischen Schmerlecke bei Erwitte rollen in diesen Tagen Bagger an, um ein Nahwärmekonzept zu verwirklichen. Im Dorf gibt es ein großes Sägewerk, in welchem natürlich eine Menge Reste überbleiben. Das Holz wird demnächst in einem großen Kessel verbrannt, und über ein Nahwärmenetz an über 80 Haushalte verteilt.
    http://www.erwitte.de/pics/medien/1_1400767495/Praesentation_Nahwaermenetz_Erwitte_Schmerlecke_140522.pdf

    4. Januar 2016 | 18:46
  • Susanne Albrecht
    Susanne Albrecht:

    Hallo

    Ich wollte mich bei Ihnen erkundigen wie viel Prozent Mais für die Biogasherstellung auf dem Smart Country bzw. dem Boden der Landwirte Schneider wachsen und wie viel Mais importiert werden muss um den Betrieb zu gewährleisten? Welche konkreten Maisarten werden für die Herstellung von Biogas auf dem Bongertshof angebaut?

    Danke im voraus für die Beantwortung meiner Fragen!

    mit freundlichen Grüßen Susanne Albrecht

    13. März 2016 | 00:20
    • Die Redaktion für voRWEg gehen
      Die Redaktion für voRWEg gehen:

      Liebe Susanne Albrecht, danke für Ihre Anfrage. Wir haben sie an die zuständigen Fachkollegen weiter gegeben mit der Bitte um Antwort. Sobald wir mehr wissen, melden wir uns hier direkt wieder bei Ihnen. Bitte noch um etwas Geduld – viele Grüße vom RWE Team

      16. März 2016 | 11:59
    • Die Redaktion für voRWEg gehen
      Die Redaktion für voRWEg gehen:

      Hallo Susanne Albrecht, nun haben wir Antwort von den Kollegen: Im Smart Country wird ungefähr 55 Prozent des angebauten Mais für die Biogasherstellung verwendet. Es muss kein Mais zusätzlich importiert werden. Genutzt wird für die Energiegewinnung in Bitburg Prüm nicht der typische „Energiemais“ sondern die Sorten, der normalerweise auch für Milch- und Mastvieh eingesetzt werden. Das liegt daran, dass die Flächen vor Ort auf ca. 550 Meter NN liegen, was für den Anbau der typischen Energiesorten zu hoch ist. Wir hoffen, die Info hilft Ihnen. Viele Grüße vom RWE Team

      21. März 2016 | 14:08

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